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Fortbildungsseminar für seelsorgerlichen Besuchsdienst

 

 Die Diakonische Bezirksstelle in Brackenheim lud zu einem Seminar für Interessierte an einem ehrenamtlichen seelsorgerischen Besuchsdienst ein. Es wurde von ihr gemeinsam mit den Ev. Gemeinden im Kirchenbezirk, dem Forum Neue Wege und örtlichen Diakonie-Sozialstationen veranstaltet.

 

Über 50 Personen meldeten sich. Sie trafen sich im Mai 2013 zu einem Informationsabend, bei dem es einen ersten Überblick über die Inhalte der geplanten fünf Einheiten des Kurses gab. Für den erfahrenen Leiter des Seminars, dem Pfarrer und Psychotherapeuten Gert Murr, war klar: "Über 50 Teilnehmer in einem Seminar, das wird nichts!" Aber so vielen Interessenten und zum Teil schon engagierten Menschen abzusagen, das kam für ihn ebenso wenig in Betracht. Dass sich Herr Murr für eine Verdopplung seines Einsatzes in unserem Kreis bereit erklärt hat, dafür sei ihm ein erstes "Dankeschön" gesagt.

 

Zwischen Juni und November 2013 fanden dann für zwei Gruppen je 5 Treffen mit folgenden Schwerpunkten statt:

 

1.   Meine Motivation zur Teilnahme an dieser Fortbildung:

      Was möchte ich mit Blick auf die zu besuchende Menschen und für mich 

 selbst lernen?

Wie bereite ich mich auf Besuche vor?

Wie nehme ich mich selbst dabei wahr?

Mit welchen Gefühlen - der zu Besuchenden und meinen eigenen - kann ich konfrontiert sein?

 

2.   Typologie der Menschen

Welchem Menschentyp - oder welcher Mischung aus verschiedenen Typen - entspreche ich vorrangig?

Wie begegne ich einem Menschen, gegenüber dem in mir negative Gefühle entstehen?

Welche Eigenschaften erlebe ich positiv, welche Attribute negativ?

Wie beurteile ich mich selbst?Am Schluss  war deutlich:

Wenn mich bei einem Besuch Gefühle ärgern, so hat dies immer auch etwas mit mir selbst zu tun!

 

In dieser Einheit beschäftigten wir uns mit der Schweigepflicht / Schweigevereinbarung.

 

3.   Klientenzentrierte Gespräche führen

Da wir Individuen in unserer heutigen Kultur so verschieden sind, ist ein wirkliches Verstehen des Gegenüber keinesfalls einfach, vielleicht sogar unmöglich.

Der Gesprächs-Ansatz des Theologen und Psychologen Carl Rogers lautet: "Der andere findet seinen Weg! - Der Mensch besitzt positive Kräfte, mit denen er sein Selbst gestalten kann!" 

Das erfordert von uns, dass wir als Besuchsdienst ein Verständnis für das innere Bezugssystem des Gegenübers gewinnen und erfassen, was diesem wichtig ist, um es - mit unserer Hilfe - zu entwickeln!

Emotionen können dabei eine wichtige Rolle spielen, evtl. auch über längere Phasen zwiespältige Emotionen, die es auszuhalten gilt. Wertschätzendes Zuhören ist angesagt, das aber auch Grenzen

haben kann, zum Beispiel bei ununterbrochenem "Kritteln".

 

4.   Bei einem guten Gespräch schenke ich dem Besuchten meine Zeit. Das Gespräch soll nicht auf ein Ziel hin geführt werden. Deshalb steht es nicht unter einem Zeitdruck. Oft wird erst im Gespräch klar, worum es sich (heute) drehen kann. Dennoch sollten unsere Besuche auf eine gewisse Zeitdauer begrenzt sein! Vielerlei gesprächsfördernde und gesprächshindernde Techniken wurden besprochen.

 

Danach ging es um ein theologisches Fundament für die Besuchsdienst-Gespräche.

Ausgangspunkt dafür war das heute übliche Verständnis von einem "gelingenden Leben" . Das Streben nach körperlicher Fitness, erfolgreicher Karriere, jugendlichem Aussehen, dauernder (digitaler)

Erreichbarkeit usw, kennzeichnet die aktuellen Normen, die uns oft versklaven, denen aber keiner dauerhaft genügen kann. Die Zeit soll aufgehalten werden, der Tod wird verdrängt. "Endlichkeit" fällt den Menschen schwer.

In Jesus Christus erleben wir das Gegenmodell zur heutigen Norm. Er ist nicht nur jung und verletzt gestorben, sondern auch beschämt!

Viele Menschen, die den gesellchaftlichen Normen nicht oder nicht mehr gerecht werden können, fühlen sich beschämt.  Das Beschämtsein bewirkt bei ihnen eine negative Selbsteinschätzung, für die sie aber selbst nichts können. Schamgefühle werden oftmals verdrängt und mit Aggressivität überspielt!

Nichts ist so schlimm und schwer zu ertragen, wie die Unbestimmtheit nicht zu wissen, warum einem etwas passiert ist.

Die Beispiele von Jakob und von Paulus zeigen uns zwei Menschen (biblische "Helden"), die nicht als Siegertypen sondern als lebenslang Behinderte leben müssen. Die wichtigsten biblischen Vorbilder sind also auch "Beschämte" !

 

"Gelungenes Leben" beinhaltet eben nicht unsere Vervollkommnung. Wir scheitern immer wieder, wir haben Schattenseiten, mit denen wir leben müssen, die wir nicht ablegen können.

Bonhoeffer: Wir sind Fragmente, haben verschiedene Stimmen und Bestrebungen in uns.

Unsere Identität ist eine Patchwork-Identität. Wir leben in der Hoffnung, dass wir nach dem Tod vollkommen und nicht mehr fragmentiert sein werden.

Es ist für uns schwer zu ertragen, wenn es uns eigentlich gut geht und wir anderen Menschen begegnen, denen       es - vielleicht ein Leben lang - schlecht geht.  Hilfreich ist der Glaube, dass wir mit all unserer Fragmentierung von Gott bedingungslos angesehen werden, dass sein Antlitz über uns leuchtet, dass er uns als Ganzheit sieht.

 

5.   Der "Umgang mit Glaubensfragen im Gespräch" stand am letzten Seminartag im Mittelpunkt:

Da wir uns um "patientenkonzentrierte Gespräche" bemühen, steht das Zuhören an erster Stelle. Wir müssen akzeptieren, wenn die Glaubensfragen für manche Menschen kein vorrangiges Thema sind oder dass für andere Menschen solche Inhalte sprachlich schwer oder nicht auszudrücken sind.

Als Besuchende müssen wir abwarten bis ein Impuls zu einem solchen Gespräch kommt. Bei nicht klaren Impulsen kann folgende Formulierung eine Hilfe sein: "Ich könnte mir vorstellen, dass ihnen vieles durch den Kopf geht!"

Bei Patienten in ihrer letzten Lebensphase sind wir "Anwalt des Lebens" (Lebe jetzt! Verwirkliche, was du jetzt noch kannst!). Wir bewahren den Respekt vor dem Kranksein des anderen, vergessen aber auch nicht, dass wir als Gesunde in einer anderen Situation sind.

Spüren wir Verzweiflung, so hat es keinen Sinn "dagegen steuern" zu wollen. Wir versuchen, die Verzweiflung mitzutragen.

 

Zuletzt sprachen wir über die für viele Menschen fundamentale Warum-Frage: "Warum lässt Gott das zu?"

Hinter dieser Frage steckt die Frage nach der Allmacht Gottes. Beispiel: Dass Gott die systematische Vernichtung "seines Volkes" in Ausschwitz gewollt haben könnte, das ist für uns undenkbar. So undenkbar wie auch die Vorstellung, dass Gott als Allmächtiger alles lenkt und wir Menschen nur wie Marionetten "von oben gesteuert werden". Gott lässt uns Menschen die Freiheit zur Entscheidung zwischen Gut und Böse. In Christus hat er uns einen Weg-weisenden Helfer gegeben! - Aber auf viele Fragen finden wir keine Antworten!

 

Zum Schluss des letzten Seminartages konnte jeder Teilnehmer anhand folgender Fragen seine eigene "Bilanz" ziehen:

Was habe ich gelernt? - Was hat gefehlt, hätte ich mir anders gewünscht? - Was ist für die Zukunft wünschenswert? Woran möchte ich weiterarbeiten?

So haben wir Kursteilnehmer in wenigen Seminarsitzungen sehr viel erfahren und konnten für künftige Besuchsdienste wichtige Kenntnisse und Einsichten gewinnen. Bei aller Bescheidenheit und dem Wissen um unsere eigene Grenzen, konnten wir Mut für künftiges Engagement gewinnen.

 

Dabei sind wir in unserer Gruppe von Mal zu Mal immer "offener" geworden, dank einer sehr engagierten und liebevollen "Organisation" der Treffen durch Frau  Neuschwander. Sie sorgte neben der allgemeinen Organisation des Seminars dafür, dass in den verschiedenen Gemeindehäusern immer auch ein schön vorbereiteter Raum auf uns wartete. Nie fehlten ein stimmungsvoller Kreismittelpunkt sowie Obst, Getränke oder kleine Stärkungen für die Pausen, die uns neue Energie gaben. Nicht zuletzt mit den Liedern und Segenssprüchen sorgte sie für eine Atmosphäre, in der unsere "Arbeit" fruchtbar gedeihen konnte.

 

Das war aber nur das für uns Sichtbare und Erlebbare. Nicht vergessen sei alles Engagement und aller Einsatz von Frau Neuschwander, mit denen sie die Idee eines solchen Seminars "geerdet" hat: die ersten Flyer, die Anrufe und Anmeldungen der Interessenten, die Aufstellung der Namens- und Adressenlisten, die vielen Mails und Briefe, die "Anmietung" und Vorbereitung der verschiedenen Gemeindehausräume, und... und... und... bis hin zu den Bescheinigungen die jedem Teilnehmer am Abschlussabend persönlich ausgehändigt wurden.

 

Frau Neuschwander hat mit ihrem Einsatz dieses Seminar "bewegt" und "auf Kurs" gehalten. Ihr sei hiermit ganz herzlich gedankt, daneben auch allen Mitarbeitern der Diakonischen Bezirksstelle und den sonstigen helfenden Händen.

 

Das größte "Dankeschön" gebührt Herrn Murr, der uns all die neuen Erkenntnisse übermittelt hat, nie trocken oder theoretisch, immer mit anschaulichen, oft humorvoll (gelegentlich bühnenreif) vorgetragenen Beispielen und Erläuterungen. Das Zuhören hat, bei allem Ernst, oft auch Spass gemacht. Man hätte am liebsten noch länger zugehört!

 

R. und H. Wörnle, Seminarteilnehmer